Ein leidliches Thema: Müll im Wald aus der Sicht eines Revierleiters

09.06.2022

Worum geht es?

Jeder, der einmal im Wald spazieren war kennt es: Rund um die Waldparkplätze, entlang der Wege und an Bänken findet sich Müll. Oft handelt es sich um achtlos verlorene oder weggeworfene Verpackungen, Zigarettenstummel oder Getränkeflaschen. Auch der Einweg-Mund-und-Nasenschutz, der uns in der Pandemie so gute Dienste leistet, endet oft irgendwo in der Umwelt.

Aber das sind nur die „kleinen Fische“, denn als Revierleiter entdeckt man öfter als man es sich vorstellen möchte regelrechte Müllhaufen im Wald. Dabei geht es nicht um ein oder zwei Müllsäcke. Die Rede ist von anhängerweise abgeladenem Bauschutt oder den Resten von Renovierungsarbeiten, alten Möbeln, die den Spuren nach zu urteilen von einem landwirtschaftlichen Schlepper auch in verstecktere Ecken im Wald verbracht werden, oder Bergen von Autoreifen. In ganz dreisten Fällen findet man sie mitten im Naturschutzgebiet. Zur Krönung des Ganzen mit Asbestplatten, Flaschen und Kanistern mit nur noch halb lesbaren Etiketten oder noch gefüllten Farbeimern garniert (Sondermüll).

Während der erstgenannte Fall mit dem Papierchen oder der Maske sich wohl oft auf Unachtsamkeit oder ein Versehen zurückführen lässt, ist beim zweiten kriminelle Energie zu unterstellen.

Gefahren

Bild: Daniel Behrendt, aufgenommen an der hohen Wurzel

Natürlich geht die Problematik des Mülls im Wald oder in der Natur im Allgemeinen über eine beeinträchtigte Optik hinaus. An scharfkantigem Müll (Glasbruch, Metall) können sich Tiere schneiden. Es wird von Fällen berichtet, in denen sich Vögel auf der Suche nach Nestbaumaterial in den Schlaufen von OP-Masken verheddern.

Die größeren Bedrohungen sind jedoch weniger offensichtlich: So werden Kunststoffe wie Verpackungsfolien oder Zigarettenfilter nicht in verwertbare Bestandteile zersetzt. Stattdessen zersetzen sie sich durch die im Sonnenlicht enthaltene UV-Strahlung in kleinste Bestandteile. Dieses Mikroplastik landet im Trinkwasser und in der Nahrungskette. Inzwischen wurde es sogar im menschlichen Blut nachgewiesen und es gibt Hinweise, dass es auch ins Gehirn gelangt. Was die Auswirkungen davon sind ist noch nicht vollends erforscht.

Sondermüll enthält zumeist direkt toxisch wirksame Stoffe wie Schwermetalle oder chemische Verbindungen, die so in den Boden und in die Nahrungskette gelangen.

Man sollte im Kopf behalten, das große Teile unseres Trinkwassers im Wald gewonnen werden, da dort die Qualität besser ist als zum Beispiel unter Ackerflächen. Dort geraten durch Düngung oft große Mengen an Nitrat ins Grundwasser.

Zuständigkeiten

Für die Entsorgung von Müll ist der Flächeneigentümer zuständig. Im Fall von Wald kommen da im Wesentlichen drei Möglichkeiten vor: Gehört der Wald einer Privatperson, so ist diese verantwortlich. Bei kommunalem Waldbesitz entfällt die Aufgabe meist auf die Mitarbeiter des Bauhofs. Der dritte häufig anzutreffende Waldeigentümer in Deutschland sind die Bundesländer. In dem Fall sind die staatlichen Forstbetriebe (hier bei uns: HessenForst) zuständig.

Für Parkplätze, Waldhütten oder ähnliches gibt es an vielen Stellen noch einmal gesonderte Verträge zur Pflege und Reinhaltung der Flächen.

Kosten

Die Kosten für die Entsorgung werden gerne unterschätzt. Wer einmal eine größere Menge „problematischer“ Abfälle zur Recyclingstelle oder zur Deponie gebracht hat, der weiß, dass selbst bei kleineren Mengen schon Kosten anfallen. Dabei hat derjenige allerdings wahrscheinlich selten die Stoppuhr gestartet und überlegt, was ihm für die Zeit an Lohn zustünde. Denn im Falle kommunaler oder staatlicher Wälder geschieht die Entsorgung in der Arbeitszeit angestellter Leute. Bei größeren oder komplizierteren Fällen kommt es sogar vor, dass Entsorgungsunternehmen direkt beauftragt werden müssen.

Im kommunalen und staatlichen Bereich finanziert sich dies aus Steuergeldern. Im Endeffekt zahlt also der Bürger – Sie!

Persönlich finde ich es ärgerlich, dass Forstwirte und Förster immer wieder ganze Tage damit zubringen, hinter Schmutzfinken herzuräumen, anstatt den Wald zu pflegen und nachhaltige Ressourcen zu produzieren.

Was können Sie tun?

Bild: Daniel Behrendt, aufgenommen an der hohen Wurzel

Zunächst einmal der alte Appell: Nehmen Sie das, was Sie mit in den Wald nehmen, auch wieder mit hinaus. Wenn sie irgendwo rasten, schenken sie dem Ort nach dem Verlassen einen zusätzlichen Blick, um sicherzugehen, dass auch alles wieder eingepackt ist. Für mich hat es sich bewährt, auf längeren Wanderungen immer schon einen kleinen Beutel mitzunehmen, in dem aller Müll verschwindet, den ich produziere.

Im Rahmen von Forstreformen, Bürokratieabbau und Fachkräftemangel sind die Forstämter und -reviere über die Jahrzehnte immer größer geworden. Leider wird die Anzahl der Augen pro Förster nicht im selben Maße mehr. Daher „freue“ ich mich als Revierleiter, wenn ich Hinweise auf größere Müllablagerungen von Waldbesuchern bekomme. Sollte ihnen etwas in dieser Art auffallen, so können Sie eine E-Mail an das Funktionspostfach Ihres Forstamtes (im Falle meines Revieres forstamtwiesbaden@forst.hessen.de) senden. Vorzugsweise mit Bild und GPS-Standort, aber eine simple Beschreibung des Ortes genügt meist auch. Von dort wird ihre Nachricht an den zuständigen Revierleiter weitergegeben. Wir kümmern uns dann darum, dass die Sache erledigt wird. Dies ist aber in die forstbetrieblichen Abläufe zu integrieren und kann daher einige Zeit in Anspruch nehmen, wir können den Müll nicht immer sofort entfernen.

Noch wichtiger sind uns Hinweise auf die Verursacher der großen Fälle, denn meistens entgehen die Täter der gerechten Strafe. Sollten Sie etwas beobachten, was ihnen verdächtig erscheint, so freuen wir uns über sachdienliche Hinweise (ebenfalls gerne per Mail an ihr Forstamt).

Ein kleiner Dank zum Schluss

Neuerdings sehe ich immer häufiger Menschen, die auf ihren Spaziergängen mit einer Mülltüte und einer Müllsammelzange unterwegs sind. Gerade die kleinen, einzelnen Objekte entlang der Wege sprengen zeitlich den Rahmen der Möglichkeiten für uns Forstleute. Es freut mich ungemein, wenn ich sehe, dass jemand seine eigene Zeit dafür opfert, in „unserem und Ihrem“ Wald für Ordnung zu sorgen. An dieser Stelle ein großes Dankeschön dafür.